Schriftzug Thomas Borghoff

Translozieren - am Stück oder in Teilen

Bauhandwerk, Ausgabe 12/2000, Seite 38 f

nach oben - zur Übersicht

»An einen anderen Ort versetzen« - so erklärt der Duden dieses Wort. In der Baupraxis wird der Begriff für das Umsetzen eines Gebäudes von A nach B verwandt, sei es als intaktes Ganzes, sozusagen »am Stück«, oder über den Umweg Demontage und Wiederaufbau.

Beim Umsetzen »am Stück« bleibt die komplette Gebäudesubstanz weitgehend erhalten, die Schwierigkeit besteht in erster Linie in der Sicherung der konstruktiven Struktur, in der zu bewegenden Gesamtlast als solcher, den Abmessungen des Gebäudes und der Art der zurückzulegenden Strecke. Solche Lösungen sind relativ selten, fast immer jedoch mit spektakulären Bildern und häufig auch volksfestartiger Stimmung einer teilnehmenden Nachbarschaft verbunden.

nach oben - zur Übersicht

Zerlegen eines Gebäudes

Relativ unspektakulär und von einer breiteren Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen, werden die heute wieder häufiger praktizierten Fälle, in denen ein Gebäude in seine Einzelteile zerlegt wird und an anderer Stelle neu entsteht. In aller Regel handelt es sich dabei um Fachwerk- bzw. Trägerkonstruktionen aus Holz, Metall und Beton. Seltener sind Fälle, in denen Fassaden oder Gebäude aus Naturformsteinmauwerk in identischer Form eine Zweitverwendung erfahren. Wahrgenommen wird dieser Vorgang vor allem durch das Anwachsen diverser Museumsdörfer. Daß die Wiedererichtung eines demontierten Gebäudes auch als privates Einfamilienhaus möglich ist, ist weitgehend unbekannt.

Wiederaufbau von Eichenfachwerk

Der häufigste Fall dürfte die Wiedererrichtung eines Fachwerkes aus Eichenholz sein. Die Wiederverwendung kompletter Konstruktionen aus Fichten-, Tannen- oder Kiefernholz ist seltener. Genaue Zahlen, wie häufig dieser Vorgang jährlich durchgeführt wird liegen leider nicht vor. Das Angebot an bereits demontierten und zum Kauf einlagernden Konstruktionen überschreitet die momentane Nachfrage und dürfte irgendwo in der Größenordnung 50 bis 100 liegen. Diese vage Formulierung macht deutlich wie unübersichtlich das Angebot auch für Insider ist. Deutlich größer ist das Potential noch stehender Konstruktionen, die nicht unerhebliche Kapitalbindung durch die Demontage »auf Vorrat« verhindert jedoch ein Anwachsen der Lager.

nach oben - zur Übersicht

Fachwerk-Bausätze

Angeboten werden diese »Fachwerk-Bausätze« von Zimmereien, einigen auf den Handel mit historischen Baustoffen spezialisierten Unternehmen, spezialisierten Generalübernehmern, sowie von einer naturgemäß wechselnden Zahl von Privatleuten. Im Idealfall kann das Gebäude noch im Originalzustand besichtigt werden. Häufig ist jedoch auch der Fall, daß nur noch der demontierte »Bausatz«, in aller Regel auch eine Fotodokumentation und Aufmaßpläne besichtigt werden können. Je nach Anbieter kann die stehende Konstruktion, der »Bausatz« samt Dokumentation als solcher, das aufgerichtete Fachwerk oder das schlüsselfertige Gebäude gekauft werden.

Ergänzen und Reparieren

In aller Regel unumgänglich ist die Teilreparatur und eventuell eine die Abänderung der Fachwerkkonstruktion. Hier kann auch auf ein ausreichendes Angebot an original-historischem Eichenholz verwiesen werden. Ebenfalls relativ problemlos erhältlich sind historische Dach- und Mauerziegel, Bodenbeläge aller Art, Türen, Beschläge und Öfen. Einige Anbieter kombinieren diese historischen Baustoffe mit weiteren neuen Naturbaustoffen, besonders die Angebotspalette im Bereich Lehmbaubaustoffe stößt auf immer größere Akzeptanz.

Ein kurzer Hinweis

Es liegt auf der Hand, daß dieser Weg zum Eigenheim nicht der einfachste ist. Jedem potentiellen Käufer kann daher nur angeraten werden, sich intensiv mit den verschiedenen Anbietern auseinanderzusetzen und auf die Herausgabe einer nachprüfbaren Referenzliste zu pochen. Eine gewisse Portion Mut sollte die Bauherrschaft ebenfalls aufbringen. Bis zum Einzug wird sich die Zustimmung im Familien- und Bekanntenkreis nämlich in engen Grenzen halten. Danach, dies zeigt die Erfahrung, waren alle schon immer dafür.

nach oben - zur Übersicht