Schriftzug Thomas Borghoff

Historische Baustoffe - Möglichkeiten und Grenzen ihrer Verwendung

Bundesbaublatt, Ausgabe 10/2000, Seite 54 ff

nach oben - zur Übersicht

Der Wiedereinsatz historischer Baustoffe in der Denkmalpflege kann, wo gewünscht, einen wichtigen Beitrag zur Sanierung von Baudenkmälern leisten. Die Arbeit der Branche als Ganzes ist auch in Fachkreisen auf postive Resonanz gestoßen. Durch die Verleihung einer Goldmedaille für »Besondere Leistungen in der Denkmalpflege« an den Unternehmerverband Historische Baustoffe e.V. im Rahmen der »denkmal 1998« hat diese Wertschätzung auch einen öffentlichen Ausdruck erfahren.

Geschätzt 150 Unternehmen, die ältesten davon knapp 20 Jahre alt, bieten in Deutschland historische Baustoffe an. Diese Unternehmen bergen aus Abbruch- und Sanierungshäusern Baustoffe und Bauelemente, sortieren, reinigen, erfassen sie und lagern sie ein. Die Unternehmen beraten die Käufer bei der Auswahl passender Materialien und bauen diese teilweise auch wieder fachkundig ein. Die Palette des Materialangebotes reicht von Mauerziegeln über Dachziegel, Bauholz, Türen, Beschläge, Dielung, Fliesen, Treppenstäbe, Fensterglas bis hin zu Waschbecken und Wasserhähnen. Quasi alle Baustoffe und Bauelemente bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein sind für diesen Markt von Interesse. Die individuelle Qualität der Materialien reicht dabei von der absoluten Austauschbarkeit eines Hintermauerziegels der Gründerzeit bis hin zum Unikatcharakter einer barocken Haustür.

Nur wenige Unternehmen der Branche erzielen überhaupt einen Umsatz mit dem Verkauf historischer Baustoffe der die Millionengrenze überschreitet. Wie jede Branche hat auch diese Ihre speziellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ein sich nur auf den Handel, die Sortierung und die Konfektionierung von Massenbaustoffen konzentrierender Betrieb weist, wenn es ihm gut, nicht prächtig geht, einen etwa sechsmonatigen Lagerumschlag auf. Ein ausgesprochener Spezialanbieter mit einem sehr gut sortierten Angebot beispielsweise im Bereich historischer Türen und Beschläge kann sich schon als erfolgreich bezeichnen, wenn er sein Lager alle 24 bis 30 Monate umschlägt. Diese Werte sind Durchschnittswerte, daß heißt, für einzelne Materialgruppen sind weitaus höhere Lagerstandzeiten keine Seltenheit. Einzelne Baustoffe oder Bauelemente aus dem Gründungsjahr kann ein Unternehmer auch zum zehnjährigen Firmenjubiläum noch präsentieren. Diese Rahmendaten sind im Vergleich zu anderen Branchen unüblich hoch. Die betriebswirtschaftliche Herausforderung ist dabei der hohe Kapitalbedarf der notwendig wird. Bergung oder Einkauf der Materialien muß entsprechend lange finanziert, ein entsprechend dimensioniertes Lager unterhalten werden.

nach oben - zur Übersicht

Ersatzlieferungen nach historischem Befund

Auf den ersten Blick erstaunlich ist vor dem Hintergrund hoher Lagerbestände die Aussage von Nachfragern im Bereich der Denkmalpflege, die sich, durchaus zurecht, darüber beklagen, daß ein gewünschtes Bauteil oder ein benötigter Baustoff nicht »zu besorgen« sei. Das was an historischen Baustoffen so geschätzt wird kann bei der Suche nach einem Ersatz für einen historischen Befund zum Fluch werden. Die Vielfältigkeit, Individualität und Verschiedenheit des Materials macht es auch für einen ausgesprochenen Spezialisten schwer, in seinem Lager beispielsweise einen Ersatz für 15 fehlende Fensteroliven zu finden. Hat er tatsächlich 15 dem historischen Befund entsprechende oder auch nur sehr ähnliche Oliven gefunden, heißt es, diese zur Ansicht auszuliefern, abzuwarten bis alle Entscheidungsträger samt Bauherrn dem Einbau zustimmen, eventuell auszutauschen, nachzuliefern, Lösungsvorschläge für technische Probleme zu unterbreiten, um anschließend eine Rechnung über vielleicht DM 800,- im Falle der genannten 15 Fensteroliven auszustellen. Im schlimmsten Fall hört er nach Wochen, daß sich der Bauherr entschlossen hat, die Oliven doch lieber nachgießen zu lassen oder gleich Replika »von der Stange« genommen hat.

Das zuvor beschriebene Dilemma, daß der Unternehmer einerseits seine Lagerbestände in ein vernünftiges Verhältnis zum Umsatz bringen muß, die Denkmalpflege bei Ersatzlieferungen nach historischem Befund andererseits auf ein möglichst umfangreiches Lager zugreifen möchte, kann aus Sicht des Anbieters nur durch Mehrumsatz aufgelöst werden. Dieser ist in den letzten Jahren auch außerhalb der Denkmalpflege durch die Popularisierung des Wiedereinsatzes historischer Baustoffe entstanden. Ein vergleichsweise flächendeckenderes Händlernetz mit mehr auf einzelne Materialien spezialisierter Händler sind heute am Markt zu beobachten.

nach oben - zur Übersicht

Wettlauf gegen die Abrißbirne

Gegen eine verstärkte Wiederverwendung historischer Baustoffe wird häufig die Endlichkeit der Ressource »historischer Baustoff« und ein entstehender »Abbruchdruck« ins Feld geführt. Andere ziehen aus den zuvor beschriebenen Sachverhalten den Schluß: »Wenn die Unternehmer nicht können (wollen), dann muß der Staat (wahlweise: das Land, der Kreis, die Stadt) darum kümmern«.

Die Endlichkeit der Ressource historischer Baustoff ist ein Faktum. Aber solange der Großteil historischer Baustoffe Abbruchbaggern, Schreddern, Häckslern, Schmelz- und Verbrennungsöfen zum Opfer fällt, kann Sie keine praktische Bedeutung erlangen. Eine gewisse Bedeutung hat die These vom Abbruchdruck gewonnen. Zumindest konnte man anläßlich einer scharfen Kontroverse zwischen der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. (IGB) und dem Unternehmerverband Historische Baustoffe e.V. (UHB) zu diesem Eindruck gelangen. Der im Vereinsblatt der IGB ergangene Aufruf an die etwa 6.000 sehr engagierten Mitglieder der IGB Fälle zu nennen, in denen Händler mit dem Scheckbuch Denkmalbesitzer zum illegalen Abbruch ihres Hauses »überredeten«, blieb allerdings ohne auswertbare Resonanz.

Die Bergung, Lagerung und der Handel mit historischen Baustoffen ist entgegen dem ersten Anschein auch kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Weder ist der Arbeitsmarkt in der Lage durch AB-Maßnahmen »vorbereitete« Arbeitskräfte in erwähnenswertem Umfang aufzunehmen, noch erlaubt es die Komplexität der Materie diese durch einen regelmäßig wechselnden Personalbestand bearbeiten zu lassen. Wenn darüberhinaus einzelne Maßnahmeträger in direkte Konkurenz zur Privatwirtschaft treten oder zum bevorzugten Lieferanten staatlicher Stellen werden, ist es mit kritischem Hinterfragen nicht mehr getan. Aus eigener Anschauung möchte ich auch darauf hinweisen, daß zudem das Ziel effizienter Mittelverwendung in diesem Rahmen nicht immer einen angemessenen Platz findet.

nach oben - zur Übersicht

Fazit

Die zuvor skizzierten Probleme bei der Versorgung der Denkmalpflege mit originalen historischen Baustoffen liegen zum Großteil in der vielfältigen Natur des Materials begründet. Ansätze zur Verbesserung der Situation entstehen eine deutlich steigenden Anzahl von Unternehmen in diesem Bereich und der Verbesserung der Kommunikationswege. In den letzten Jahren hat sich der Markt zudem stärker diversifiziert. Weitere positive Anstöße entstehen auch durch den Einsatz von Computern zur Erfassung der Materialien und den beschleunigten Austausch von Informationen über das Internet. Auch die größere Markttransparenz, die durch dieses Medium entstanden ist, sollte es Nachfragern im Bereich der Denkmalpflege einfacher machen, einen oder mehrere geeignete Anbieter zu finden. Wer möchte, daß mehr historische Baustoffe den Weg in die Denkmalpflege finden, kann die entsprechenden unternehmerischen Strukturen fördern.

nach oben - zur Übersicht